Schwedenroman

JARDAS GLASTROPFEN

Klappentext:
Ein klassischer, schwedischer Sommer, eine typisch deutsche Kleinfamilie und eine harmlose Reise durch Südschweden, so beginnt dieser zweiteilige Roman.
Vater, Mutter, Tochter chartern ein Segelboot. Sie erleben die malerische Landschaft der schwedischen Schärenküste, amüsante Abenteuer unkundiger Segelanfänger und das familiäre Miteinander auf engem Raum.
Die drei Hauptdarsteller treffen sich anschließend mit einer befreundeten Großfamilie in einem Ferienhäuschen in Småland. Zunächst amüsiert die Gegenwart mit fein beobachteten zwischenmenschlichen Begegnungen, Abenteuern beim Fischfang und einem gespenstischen Vorfall beim Paddeln.

Anfangs nur in kurzen Streiflichtern fließt über traumähnliche Wahrnehmungen von Idis, der feinsinnigen Mutter, eine zweite Erzählebene in die Gegenwartsgeschichte hinein.
Es ist die Geschichte einer schönen, jungen Frau aus Karelien, jenem Land südlich des Weißen Meeres, welche vor über tausend Jahren begann. Die Wahrnehmungen von Idis wie auch die laufenden Ereignisse nehmen an Inhalt und Intensität zu und als die Tochter in einen militärischen Bunker auf einer der Schäreninseln steigt, schlagen Vergangenheit und Gegenwart zusammen. Unerklärliche Ereignisse, zwei Entführer und ein unheimlicher Fund aus der Zeit jener jungen Frau katapultieren die Protagonisten in die Geschichte aus jener fernen Vergangenheit. Eine Schuld aus vergangener Zeit schlägt ihnen ins Gesicht und fordert im Hier und Jetzt ihr Handeln.

Zwei Auszüge für Sie:

Weißes Boot auf dem Wasser zwischen Felsen

Insel Harö    © Mara Maura

Das Schulungssegeln und die Erklärungen zum MOB-Manöver mit Herrn Weil entfallen wegen Nieselregens! Es stinkt schon wieder im Hafen. Ich bezähme mich, koche Kaffee und deftige Rühreier mit Speck. Sicher ist sicher, denn wer weiß, wann wir wieder etwas Warmes in den Magen bekommen!
Ich hab wider Erwarten ganz akzeptabel geschlafen, Tristan meint, er sei mehrfach mit seinen Knien an den Seiten angeschlagen, aber dann doch wieder eingeschlafen. Von unserer Tochter kommen erstmal nur Grunzlaute wie: `ja, du hattest es ja auch am Besten` und `ich konnt mich kaum drehen`! Ich bleibe diplomatisch und sage gar nichts.
Während des Frühstückes lassen wir sämtliche Fenster noch geschlossen, denn der Geruchscocktail von draußen ist zu viel für unsere Magennerven.
Mira geht wacker zum Duschen zu den Sanitäranlagen im Hafen. Tristan stapft auch mit einem Handtuch bewaffnet los. Ich wundere mich nur über die morgendliche Disziplin und räume in leicht gebückter Haltung die Kombüse auf. Alles fest verstauen heißt nun die Devise, wohin nur mit Fernglas und Kamera? Der Zirkel so offen auf dem Kartentisch, das könnte zu einer mörderischen Waffe werden. Ich versuche umsichtig alles zu fixieren.

09:00 Ablegen bei Nieselregen, mit Motor. Ich springe mit meinen neuen Deckschuhen von rechts nach links und von vorne nach hinten und mit Bootshaken und Miras Hilfe kommen wir ganz passabel aus der Anlegestelle hinaus. Tristan kämpft noch etwas mit dem Linkslauf der Motorschraube beim Rückwärtsausparken und muss einsehen, dass es so direkt, wie er hoffte, nicht in die Fahrrinne geht, doch nach dem zweiten Anlauf tuckern wir gemütlich aus dem Hafen.
Bin ich froh, dass es nieselt und ich erstmal die verflixten Seile, nein, es heißt an Bord `Schoten oder Fall`, studieren kann und wir uns gepflegt über die Funktionen des Board-GPS streiten können.
Es ist schon aufregend genug, den vorgegebenen `Track`, wie gemäß Herrn Weil die eingezeichneten Routen im Board-Computer heißen, durch diese Schären zu finden und  beim Zoomen in die GPS-Karte den Standort seines Schiffes wiederzufinden und gleichzeitig durch die Tonnen, wie die Bojen zur Begrenzung der Fahrrinne heißen, zu steuern und den Tiefenmesser nicht aus den Augen zu verlieren.
Tristan klettert immer wieder unter Deck, um den genauen Kurs festzulegen. Ich stehe in Regenklamotten am Ruder und studiere angestrengt die digitale Karte des GPS an der Ruderkonsole. Ich fungiere also momentan als `Rudergänger`, das ist derjenige, der das Schiff im Augenblick steuert, oder auch der `Mann am Rohr`. Mitunter ist Seglersprache recht amüsant!
Mira ist es eindeutig zu nasskalt, sie zieht sich mit ihren Schulbüchern und einer dicken Jacke in den Bauch des Bootes zurück und ward für die nächsten anderthalb Stunden nicht mehr gesehen!

Gemütlich gleiten wir zu unserem ersten Ziel, der nahe gelegenen Insel `Harö`. Selbst bei Regen sind das dunkle Meer, die graugrünen Ufer, der zaghafte Geruch nach Salzwasser, diese entspannt gleichmütige Atmosphäre zwischen den Schären faszinierend! Sanft tuckernd pflügt das Boot, zum Teil dicht unter Land, durch das ruhige und glatte Wasser, nur von den gleichmäßig und senkrecht fallenden Regentropfen wird die Oberfläche gestört und bildet einen regelmäßig tanzenden Teppich von kleinen Dellen und zurückspringenden Tropfen.
Unser Skipper übernimmt wieder selbst das Ruder. Die Kapuze über dem Kopf, von Nase und Kinn fallen kleine Tropfen, die nasse Hand am Ruder, die Augen in die Ferne schweifend wirkt er immer entspannter und lässt ganz allmählich die Hektik der letzten Wochen zurück, taucht ein in die Stille und Ruhe dieses Landstrichs, dieses schweigenden Momentes.

Ich bewege mich zur Übung und Erwärmung vor an die Bugspitze und zurück und fühle mich mit all den Regenklamotten eher ungelenk. Und schon beim ersten Hinsetzen wird mir klar: diese Überhose war eine Fehlentscheidung!
Auf unseren Ausruf `Anlegemanöver, alle Mann an Bord` eine gute Stunde später, kommt Mira leicht verschlafen aus ihrer Koje. Harö präsentiert sich im abendlichen Dunst, bezaubernder Bewuchs, die typischen abgeschliffenen Schärenfelsen, sanft auslaufend in Richtung Ufer. Der Regen hat sich freundlicherweise eingestellt.
Mit Bootshaken bewaffnet stehe ich am Bug, Mira wirft die Fender zur Stegseite aus und Tristan steuert uns sacht, der Tiefenmesser fiept schon, an den Militärsteg.
Nach dem Anlegen und dem ersten Disput darüber, ob Webeleinstek oder Roringstek hier angebracht sind – `mir doch egal, und überhaupt erfind ich jetzt meine eigenen Knoten`-, muss ich leidvoll feststellen, dass ich bis auf die Unterhose nass bin. Wozu gibt es funktionierende Seglerbekleidung?
Mira und ich wetteifern im Belegen der Klampen, dem metallenen Beschlag an Deck zum Festmachen der Leinen, und wundern uns, wieso der Dreh bei der letzten Schlaufe mal stimmt und mal nicht. Das müssen wir im Segelhandbuch nochmals nachschlagen. Egal, jetzt sind wir auf Harö und nur das Ablegen der nassen Kleidung hält mich noch an Bord.

Tristan wandert das Ufer entlang, welches hier ganz sanft und glatt in die ruhige See abfällt, mitunter erinnern diese geschliffenen, runden, steinernen Riesen an Walrücken, er möchte angeln. Wir Mädels marschieren einen Fußtrampelpfad die erste Kuppe hoch.
Wacholderbüsche mit noch grünen Beeren gleich wackeren Zwergsoldaten, Vogelbeersträucher, üppig mit den bereits roten Früchten bedeckt, Krüppelkiefern, jede mit ihrem eigenwilligen Wuchs, Birken, deren Blätter im Wind tänzeln, dazwischen die grauen, steinernen Rundrücken mit gelben Flechten und trockenem Moos bewachsen … wir bewundern diese Heidelandschaft im schwedischen Stil, es fehlen nur die Heidschnucken. Eine Wiese mit kleinen, natürlich gewachsenen Stiefmütterchen lädt zum Verweilen ein.
Doch wir wollen nach Tristan sehen, ihn bei seinem Unterfangen loben, unser Abendessen mit einem frischen Fisch zu bereichern.

Zurück am Ufer folgen wir diesem und stellen bald fest, dass es dort, wo der Fels nass ist, recht rutschig ist. Ich verliere den Halt und verdreh mir beim Abfangen fast den Fuß. Immer schneller stolpern wir die malerischen Buchten entlang, `wieso ist der Bursche nur wieder so weit gelaufen?` Das Ufer wird höher, je weiter wir kommen.
„Tristan hatte doch sicher wieder seine Gummistiefel an, und wenn er mit denen ausgerutscht ist,“ teile ich Mira meine Sorgen mit.
Wir beschließen, nicht mehr am Ufer entlang zu rutschen, sondern den Weg über die Insel zum gegenüberliegenden Ufer zu nehmen und wundern uns, wie hoch das Inselchen ist. Nach gut 30 Minuten kommen wir an und stellen fest, dass die Felsen hier noch höher, präzise glattgeschliffen und so perfekt gekrümmt sind, dass man, wenn die Füße einmal den Halt verloren haben, unaufhaltsam ins Meer rutscht. Das Ufer an dieser Seite der Insel abzuschreiten gleicht einem Tanz auf einem riesigen Ei.
Wir rufen, niemand antwortet. Nun beginnt es zu regnen, der Punkt, wo der Uferfels ins Wasser übergeht, ist von hier oben nicht einzusehen. Entmutigt kehren wir um, in der Hoffnung, dass unser Skipper nicht bewusstlos irgendwo am Fuße dieser mir inzwischen unheimlichen Felsen liegt. Ich habe nicht einmal ein Beiboot, um die Insel zu umrunden.
Kurz bevor wir beim Steg ankommen, wir sind inzwischen vom Regen ein weiteres Mal durchnässt, dringen beruhigende Laute an unsere Ohren: „Idis, Mira, haallooo, wo seid ihr denn?“
„Ja, wo warst du denn? Wir haben dich gesucht und nach drei Buchten haben wir aufgegeben und sind den Weg über die Insel gegangen und dort wird es ja ganz gefährlich, wir hatten schon Angst, du seist mit deinen Gummistiefeln abgerutscht.“
„Ja, ich bin auch ausgerutscht,“ die ganze linke Seite seiner Hose ist verschrammt, „ich bin noch etwas weiter gegangen und als es dann dämmerte, ging ich zurück zum Boot und nun such ich euch schon seit einer halben Stunde!“
„Gut, genug gewandert, wie sieht es mit dem Fisch aus?“
„Welchem Fisch?“ Tristan mit großen Augen.
„Okay, unwichtig, es gibt Bratkartoffeln mit Paprika, wer meldet sich freiwillig zum Schälen?“

Nie wieder Kunststoffleinen! Trotz meiner speziell präparierten Ohrenstöpsel war diese Nacht für mich ein akustisches Fiasko. Wir hatten die Taya bugseitig mit einem Kunststoffseil angebunden, welches schön weiß, in der richtigen Länge, für diese Aufgabe gut geeignet schien. Doch diese ach so schön gezwirbelte Kunstleine knarzte und quietschte, sich am Holz reibend, die ganze Nacht so penetrant vor sich hin und das noch mit tückischen Pausen, in denen der Schläfer hofft, man könnte nun wieder weiterträumen (von einem Konzert mit verstimmten Geigen), dass ich mich nur mühsam zurückhalten konnte, über Mira hinwegzusteigen, die Taschenlampe zu holen, dabei Tristan zu wecken und dem Ganzen mit einem guten, altbewährten Leinenstrick ein Ende zu setzen.

Es wird hell im Boot, Mira wacht auf und erhebt sich stöhnend von ihrem Schlafplatz auf dem Boden. Unlustig blickt sie um sich, hat offensichtlich keinen Drang aufzuräumen und sich in die Kombüse zu stellen und so klettert sie ersteinmal nach draußen. Ich wälze mich aus Schlafsack und Koje und folge ihr. Wir setzen uns wortlos auf den flachen Uferstein, lassen uns die Sonne auf die Nase scheinen und hoffen, Tristan wird das Nachtlager aufräumen und Kaffee kochen.
Unsere Hoffnung wird noch bestärkt, als er ganz munter aus der Kajüte gekrochen kommt, die Schlafsäcke überm Arm, um diese in der Sonne aufzuhängen. Pfeifend verschwindet er wieder im Boot. Die wärmende Sonne, der Blick über das silbrig glänzende Wasser zu den nächsten Inseln und das laue Lüftchen sind sehr dazu angetan, unsere nächtens so getrübte Laune zu heben.
Bekleidet mit seiner Schlafhose und einer Angelrute erscheint Tristan wieder auf dem Steg. Mira und ich werfen uns einen verkniffenen Blick zu.

„Ich würd sowieso keinen Fisch zum Frühstück runterbringen, …… selbst wenn er einen finge!“ Miras lapidarer Kommentar.
„Ach, der Spaß ist doch das wichtigste dabei! Im Kühlschrank könnten wir locker einen 2 kg Fisch bis morgen aufbewahren.“
„Okay, und wer macht jetzt Frühstück? Ich krieg doch das Feuer nicht an!“ Jammert Mira. Seufzend erhebe ich mich.
Das Frühstück wird wunderbar, am Steg in der Sonne, mit italienischem Espresso, Müsli, Orangensaft. Ohne Fisch aber mit bestens gelauntem Papa!
Eine SMS reißt mich aus der Idylle. Herr Weil mit den Wetter- und Windnews und einer Ankündigung, dass er ein zweites GPS mitbringt, denn bei unserem stimme etwas nicht, da die eingezeichneten Tracks z.T. über Land laufen. Wir sollten ihm unsere Position angeben und ob wir sonst irgendetwas bräuchten. Ich sende ihm unsere Koordinaten plus meine Wünsche: Wäscheklammern und Batterien.
Herr Weil findet uns erst gegen 10:30 auf unserem Eiland, nachdem ich ihm statt der Koordinaten in einer weiteren SMS den Namen der Insel angegeben hatte. Was uns nicht stört, denn wir genießen minimal bekleidet die Morgensonne, die glatten Felsen laden dazu ein, und springen auch mal ins kühle Nass.
Mit wehenden weißen Haaren flitzt er, in seinem kleinen Schnellboot stehend, an unseren Steg und meint noch beim Festmachen, dass unsere Koordinaten auf die benachbarte Insel Tärnö führen würden.
Gewissenhaft werden wir in das neue GPS eingewiesen, es ist ein `handheld`, es ist also nicht fest am Boot montiert, sondern wird wie ein Handy in der Hand gehalten. Dies hat den Vorteil, man kann es unter Deck am Kartentisch verwenden, aber auch mit nach oben nehmen und es direkt am Ruder stehend ablesen. Mir werden die Wäscheklammern und die Batterien in die Hand gedrückt und Mira ein, von seiner Frau selbst gebackenes, Paprikabrot und Würstl! Supernett! Sollte sich später alles als sehr nützlich erweisen.
Ich bekomme noch meine versprochene MOB-Schnelleinweisung und schon zischt er mit grüßender Hand davon. 


Stolz steht sie am Ufer, die Festung von Ladoga, stolz und unnahbar. Von den Wassern der Flüsse Volkhov und Elena her schwer einnehmbar, liegt sie doch präzise auf der schmalen Landzunge, welche durch das Zusammentreffen der beiden Flüsse gebildet wird.
Der größte und dickste Wehrturm direkt an der Spitze dieser Landzunge mit seiner massiven Steinmauer, nur von kleinen, schmalen Schlitzen durchbrochen, thront trutzig am Ufer und begrüßt jeden ankommenden Segler. Sein Dach gleicht einer kegelförmigen Kappe, welche das Wasser des Regens über den Rand in die frühlingsgrüne Wiese spuckt.
Jarda blickt neugierig und nervös zugleich um sich. Der weiche Aprilregen besprüht zart die Wiesen und Bäume der flachen Landschaft. Am Ufer des Volkhovs stehen blühende Laubbäume, Gestrüpp rankt ungehindert, quellend und wabernd und bildet einen natürlichen Schutzwall zum Fluss hin.
Dieses helle Grün erfreut ihr Auge, welches eher an dunkle Nadelbäume und Wälder gewöhnt ist, an die Wälder ihrer Vorfahren, in welchen ihr Vater und ihre Brüder heute noch jagen und Fallen stellen.

Von hinten dringen die Geräusche des geschäftigen Hafens an ihr Ohr.
Männerstimmen, Pferdewiehern, das Klirren von Metall, dröhnende Holzbohlen, Quieken und Gackern ziehen hinauf bis an die hohen Mauern der Festung. Die sanften Ufer der Elena formen einen gut anzulaufenden Hafen, in welchem auch viele Schiffe der Männer aus dem Land der Svear und der Gauten vor Anker liegen.

Schauer jagen ihren Rücken hinunter und das nicht nur, da der Regen langsam durch ihren Umhang dringt, vielmehr verursacht durch die vom Vater halb ausgesprochenen Gedanken. Gedanken, Hoffnungen bewegen den sonst so düsteren Mann, welche sie ängstigen und ihr die Sicherheit ihrer Kindheit nehmen.  

Sie stehen vor dem massiven Holztor am Einlassturm. Ihr Vater spricht mit den Wachen, um ihnen zu verdeutlichen, dass sie keine Händler oder Bittsteller sind, sondern auf Geheiß des Königssohnes kamen. Ungelenk wirft er seine kurzen Arme in die Luft, deutet zur Burg hinauf. Von hinten kommen Männer heran, Nordmänner mit ihrer typischen Kleidung, den Schwertern, Bärten und Kappen. Auch sie drängen auf Einlass, doch die Wächter verwehren allen den Zutritt. Endlich, nachdem ihr Vater mehrfach den Namen Arvo erwähnt und dabei wie eine nervöse Bachstelze wippt, geht einer der Wächter, um sich zu erkundigen und als er nach einigen Minuten wiederkehrt, winkt er ihnen einzutreten.
„Na endlich, diese Saufköpfe, hätten doch gleich nachfragen können, schließlich wurden wir vom Königssohn hierher beordert,“ schimpft ihr Vater vor sich hin und zupft sich nervös an seinem leicht ergrauten Backenbart.
Sie werden von einem Soldaten durch den Festungshof, welchen sie vom Abend des Festes her bereits kennen, zum Hauptgebäude geleitet. Ein schweres hölzernes Tor, mit Metallplatten beschlagen, öffnet sich und sie durchschreiten die dunkle Eingangshalle. Jarda, welche nur Waldhütten und Holzhäuser bislang gesehen hat, kann sich kaum sattsehen an diesen unheimlich hohen und kühlen Räumen, ausgestattet mit Dingen, welche ihr wie Gegenstände aus einem irrealen Traum erscheinen.
Schließlich gelangen sie an eine weitere Tür, sie steht offen. Der Soldat übergibt mit einem knappen Nicken Jarda und ihren Vater einem Vasallen, welcher die beiden in den Raum geleitet und anmeldet.

Auf einem hölzernen Stuhl mit steiler, hoher Rückenlehne sitzt Arvo.
Seinen Pelzmantel hat er lässig über die Stuhllehne geworfen, er lehnt schräg nach hinten, den Kopf in seinen rechten Arm gestützt. Erst jetzt nimmt Jarda seine drahtige und doch kräftige Gestalt wahr, sein dichtes, brünettes Haar, seine dunkelbraunen Augen, welche sie mit durchdringender und treffender Direktheit anblicken, und das bartlose, kantige Gesicht mit den hohen Wangenknochen. Er winkt den beiden näher zu treten.

„Ah, der Permier mit seiner Tochter,“ spricht Arvo sie an, setzt sich eine Wenigkeit aufrechter in den Stuhl und nimmt seinen Arm herunter.
Als der Vater sich verbeugt und Jarda keine Anstalten macht, in einen angemessenen Knicks zu versinken, zieht dieser sie unwirsch am Ärmel.
„Lasst sie nur, ich sehe, sie hat Stolz,“ winkt Arvo ab, „das gefällt mir, die Frau des  Königssohnes muss stolz und würdig erscheinen.“
Wie ein verschreckt bockiges Fohlen protestiert Jardas Herz, ihr wird heiß unter dem Mantel. Unter erstarrter Oberfläche bricht ihr unkontrollierbarer Emotionsschweiss aus allen Poren.
Arvo fixiert sie einen tonnenschweren Moment lang, klatscht ohne weiteren Kommentar in die Hände. Ein Bediensteter erscheint, nimmt beiden die Umhänge ab und verschwindet wortlos mit diesen. Jarda blickt dem Mann für einen Moment nach. Was geschieht hier? Ihr Vater hatte sich ihr gegenüber nicht genau geäußert, nur Gedankenfetzen vor sich hingemurmelt, die sie nicht verstand.

Wikinger Schiff auf hoher See

 Sie fühlt sich den Männern in diesem Moment ausgeliefert, ausgeliefert und unfähig über ihr Schicksal zu bestimmen. Ihr Herz, galoppierendes Fohlen in ihrem pumpenden Brustkorb.

 „Begleitet mich zur Tafel,“ wendet sich Arvo ihnen zu und geht vor in den nächsten Raum, dort ist eine lange Holztafel mit hohen, schweren Stühlen aufgebaut, an den Wänden hängen Geweihe und Schilde verschiedener Herkunft.
Arvo setzt sich an die Stirnseite und gebietet seinen Gästen mit einer unerwartet eleganten Handbewegung Platz zu nehmen. Der Vater verbeugt sich erneut und setzt sich. Jarda zögert, doch als von einem Bediensteten ein Stuhl zurückgezogen wird, setzt auch sie sich, mit weichen Knien.
 Speisen werden aufgetragen, deren Gerüche Jarda fast den Atem nehmen. In Lake eingelegtes Gemüse, dunkles, nach Hefen duftendes Roggenbrot, Fischsuppe in einem Brei aus Buchweizen und Gerste, geschmortes Wildfleisch mit gekochten Beeren und Kwas. Kwas, dieser saure Trank zur Erfrischung und Stärkung, welchen Jarda bislang nur aus Roggen und Malz vergoren kannte, wird hier aus Birnen und Beeren und himmlischen Früchten des Südens verarbeitet und duftet verführerischer als ihn `Rauni`, die Göttin der Fruchtbarkeit, jemals zubereiten könnte.

Der Vater spricht den Speisen reichlich zu, Jarda hält sich zunächst schüchtern zurück und doch kann sie dem köstlichen, vergorenen Gemüse und dem delikaten Trank nicht widerstehen.
Arvo spricht wenig und isst nur kleine Stücke. Er heftet die meiste Zeit seine dunklen, feurigen Augen auf Jarda, zurückhaltend, forschend, energetisierend und warm zugleich.
Unter ihren langen, schwarzdunklen Wimpern schielt ihn Jarda lasziv an. Dezent aber durchaus effektvoll hebt und senkt sie ihre Brust und lässt ihr langes Haar über ihre rechte Schulter fließen. Blicke fliegen hin und her, vom Vater unbemerkt, ist dieser doch fest konzentriert auf die lukullischen Köstlichkeiten und den gereichten Wein. Saft tropft schmierig aus seinem Mundwinkel und er schielt bereits nach einem neuen Trunk. Schließlich nickt Arvo einem Bediensteten zu, dieser geht zu Jarda, zieht ihren Stuhl zurück, fordert sie mit einer Handbewegung auf, ihm zu folgen und bringt sie in ein weiter entfernt liegendes Zimmer.

Zwei Frauen sitzen auf Stühlen und führen Handarbeiten aus. Sie blicken nur kurz auf, als Jarda eintritt, doch der grimmige Ausdruck dieser Augen lässt Jarda erschauern. Der Mann geht und so steht sie hilflos und unwillkommen in diesem Raum.
Die Kälte der dicken Mauern wird durch die Eisigkeit in der Haltung der anwesenden Frauen mehrfach verstärkt. Die Frauen arbeiten schweigend und verbissen weiter. Jarda schüttelt es innerlich, ihre aufgerissenen Augen wandern die rauhen Wände ab.
Eine Ewigkeit später wird unvermittelt die Tür aufgerissen und Jarda erschrickt zutiefst. Eine dunkle Frau, mit langem, schwarz-grauem Haar, in dunkelgrün und schwarz wallenden Gewändern, eine Riesin, steht wie ein Baum vor ihr; der Blick aus eisblauen Augen, die Haltung, die geballten großen Hände, diese Frau – für Jarda die Personifikation von Feindseligkeit –