Stories

Geschichten vom Küchentisch

Witzig, romantisch, sarkastisch oder rasant, das ist die Welt der Kurzgeschichten. Mara Maura wirft Streiflichter auf Menschen, auf Szenen aus dem Leben, auf Landschaften und Hintergründe.Lassen Sie sich entführen und verzaubern. Ein kurzes Intro haben wir für Sie jeweils online gestellt, die ganze Geschichte senden wir ihnen gerne als PDF zu. Viel Spaß.

Blutmond und ein Kreuz

Ein Kriminalfall aus Mecklenburg

Szene 1 Mondnacht an der Stepenitz – Wie eine mahnende Scheibe steht auch in dieser funkelnden Nacht des Jahres 1856 der Blutmond über den sanft nickenden Gräsern im Stepenitztal, jenen saftigen Gräsern, die für die im Winter geborenen Lämmer so wichtig sind. Es ist April und Alwin, der Schäfer von Schloss Bothmer, saugt die naturtriefende Luft in beide Lungenflügel. Er beobachtet eingehend das Lichterzelt des Sternenhimmels. Natürlich kennt er alle 12 Tierkreiszeichen des nördlichen Himmels und darüber hinaus viele weitere Sternbilder.
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Schäfer ist ein angesehener Beruf, er erwirtschaftet Wolle, hochwertiges Fleisch und gesunde Milch, sein Beruf erfüllt ihn mit Stolz. Zauberhaft ist dieses Tal, so gleichmäßig mäandernd fließt die Stepenitz mit ihren dunklen Wässern. Rotfedern und Brassen stehen schlafend, Insekten sind jetzt mitten in der Nacht nicht zu erwarten. Intensiv lüftet Alwin seinen für einen Schäfer recht geräumigen Wagen, einen der ganz wenigen, in welchem der Schäfer nicht nur liegen, sondern auch gebückt stehen kann. Der Ochs des Grafen hat ihn durch die Flur gezogen. Alwin, sein Name ist Omen, heißt er doch Freund der Elfen, liebt diese Stunden der Nacht, wenn die Tiere ruhig beieinander liegen, der Hund mit einem Nasenloch wittert und er völlig ungestört die zauberischen Lichtspiele des Tals beobachten kann. Sanft streichelt er seinem Hund über den Kopf, zieht seinen weiten Mantel aus und steigt über die Holzdeichsel in seinen Schäferwagen.

25 Buchseiten
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Baribal – und die Tiefe von Wahrheit

Ein kleiner Bär im kalifornischen Hochgebirge

Ein alter, rostroter Ford Ranger Diesel Pickup gleitet gemächlich auf dem Highway 108 den Sonora Pass hinunter. Fast scheint es, als würde er jede Kurve kennen und die Schräglage genießen, walzergleich, mal rechts mal links herum. Weich federnd hält er rechts auf dem Aussichtspunkt an der Haarnadelkurve über dem Bärental an. Zwei junge Männer, einer groß gewachsen, leicht gebräunte Haut, tintenblaue Augen, der andere ein Native American, dunkel, mit zurückgebundenen, schulterlangen, braunschwarzen Haaren und bernsteinfarbenen Augen steigen geschmeidig aus.
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„Te, heute Morgen ist unser Tal wieder magisch, der „West Walker River“ stahlblau, die Wiesen und Berge liegen vor uns brombeerrot, sagogrün, kapernfarben … kann mich kaum satt sehen,“ Jasper, der junge Weiße dreht sich zu seinem Freund. Te nickt langsam: „Ich bete, es bleibt so, ich mache mir Sorgen. Lass uns zu Old Red Fir gehen.“ Sie gehen die 200m hinunter zur alten Tanne, setzen sich mit gekreuzten Beinen auf den leicht feuchten Boden. Schauen, schweigen.
„Nun bin ich schon einige male hier mit dir in dieses Tal gekommen und meine Gedanken kehren immer öfter zurück zu meinen Vorfahren. Mein Volk, die Ah-wah-nechee, lebten jenseits des Passes, in jenem berühmten Tal, welches meine Vorfahren Ah-wahnee nannten. Auf englisch könnte man es am besten mit „den Ort, welchen man mit offenem Mund bewundert“ übersetzten. Mein Vorfahre, der große Chief Tenaya, war ein mutiger Grizzlyjäger. Sie lebten mit vielen Bären in jenem Tal vor 150 Jahren. Der Untergang kam mit den weißen Siedlern, sie brachten Krankheiten, gegen die unsere Körper sich nicht zur Wehr setzen konnten. Die Legende sagt, es war der Schwarze Tod. Aber nicht der Schwarze Tod brachte das Ende, es war das Gold, Goldfunde und die weiße Gier … der Weiße Mann beanspruchte immer mehr, Tenaya und der Rest unseres Volkes wurden gefangen genommen, ihr Dorf verbrannt, die Endlösung hieß Abschiebung der Ah-wahnechee in ein Indianerreservat nahe der kalifornischen Stadt Fresno.“

15 Buchseiten
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Tariks Besen

Eine Geschichte für Frieden und Freiheit

Er arbeitet in den Straßen von Aix-en-Provence, jener wunderschönen Stadt im Süden von Frankreich, in jener so unvergleichlichen und bei Touristen so beliebten Provinz. Tarik ist Straßenreiniger, er ist Einwanderer aus Algerien. Seine Farbe ist Grün, nicht weil dies neben Weiß die Hauptfarbe in der Flagge seiner Heimat ist, grün ist seine Arbeitsuniform. Sein Straßenkehrer-Anzug ist dunkelgrün, darüber die ´gilet jaune´, die Gelbweste. Sein Hütchen, welches er nicht immer trägt, ist grün, seine Besenhaare sind sogar grellgrün und auch sein Wägelchen, welches er auf zwei Rädern hinter sich herziehen kann, ist bis auf die Reifen Ton in Ton grün. Eigentlich liebt er Brombeerfarben, das trägt seine Frau oft. Sie heißt Khera, was „Die Gute“ heißt, und das ist sie auch.

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..Die ersten Sonnenstrahlen flirren durch die belaubten Platanen und tanzen über Tariks Besen, heben seine Stimmung. Glückstänzer. Ein Vogel sitzt auf einem nahen Ast, eine Grasmücke und beginnt leise schwätzend ihre Strophe. Dies ist die Stunde, da hört er das zarte Gewisper, die Stimmen. Es sind wehende Stimmen in seinem Inneren. Heute sind sie laut, laut und fordernd. Er hält inne, lauscht – sie singen jenes Lied, welches die Franzosen zum ersten Mal am 14. Juli 1795 zu ihrer Nationalhymne erklärten, dieses kontrovers diskutierte Kriegslied, welches von den Föderierten aus Marseille beim Einzug in Paris gesungen wurde –

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Die Antwort kennt der Wind

Reiseerzählung im Stil des Gonzo-Journalismus

Gemächliches Schnurren unseres Ford Winnebago über den Highway 67 südliche Richtung. Verschlafen schöne Vorfrüh-lingswiesen, es ist Mitte Mai, weites Grün, dichte Kiefernwälder, Skandinavienfeeling, auf der Höhe von 8800 feet verbrannte Kiefernflächen mit hellgrün nachwachsenden Espen, dicht gesät, Feuerwachtürme.
Nach dem nur schwer erträglichen Cruisen über den Las Vegas Strip, Gegenpol zu jedweder Ästhetik und Kultiviertheit, und den ach so gut ausgerüsteten Ansturm-Wanderern des Zion National Parks atme ich tief ein und ohne ständig auffordernde Billboards über Betten, Einkaufsmalls und leicht erhältliches Cannabis, auch wieder aus. Bauchatmung. Ein paar Bisons stehen stoisch, unbeeindruckt, Steinzeitruhe.
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Wir widerstehen der Versuchung anzuhalten. Ponderosa Ranch steht auf einem hölzernen Schild geschrieben. Ranch hier nicht in der Bedeutung einer Rinder-Farm, hat auch nichts mit einer TV-Serie aus den 60ern zu tun, sondern Begriff für ein großes Landschaftsgebiet mit unterschiedlichen Strukturen wie Weiden, Wäldern, Gebirgsformationen. Selten ein Holzhaus, Stille. Nur der Zehnzylinder surrt beruhigend.
Der North Rim, also der Nordrand des Grand Canyon wurde 30 Jahre später touristisch erschlossen als der South Rim, ist weitläufiger anzufahren und demnach eher beschaulich frequentiert. Die Erklärung hierfür findet man in der Plattentek-tonik. Der Nordrand liegt etwa 360 Meter höher als der Südrand, es regnet hier etwa doppelt so viel. Und was bedeutet das Wasser für die Natur, was hat der Besucher davon?
Erfrischendes Grün durch Tannen, Kiefern, Espen, Wacholder, ein wild zerklüftetes, kaum zugängliches Ufer mit tiefen, atemberaubenden Seitencanyons, hervorragend für ein unbeobach-tetes Stelldichein von Salamander, Wüstenskorpion und Dia-mantklapperschlange. Wird uns kaum vor die Linse kommen, wir sind hier die totalen Greenhorns, illusionslos, ohne Zeit im Gepäck und untrainiert. 1600 m Ab- und Aufstieg an einem Tag ist nicht mal erlaubt, und das Ganze auf dem Eselsrücken, ein Jahr vorher gebucht, vergiss es!

21 Buchseiten
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Coconut Tower 2048

Science Fiction

Zac steht von seinem Arbeitsplatz auf, er ist unruhig. Lilly registriert jeden seiner Schritte, seinen Puls, dieFeuchtigkeit der Haut, seinen emotionalen Zustand. Zac wandert gedankenversunken, die Hände auf dem Rücken verschränkt, in seiner Homecell umher. Homecells sind die Hightech Appartements der Neuzeit, der späten 40er, der Zeit nach der Moderne und dem Purismus.
Es gibt Menschen, die noch in sogenannten Privats leben, das sind alte Häuser in rückständigen Landbezirken, doch es werden immer weniger und Cloudworker wie Zac bewohnen ausschließlich jene Cloud-gesteuerten Homecells.
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Die Cloud ist ein weltumspannendes, dezentrales Netz von Quantencomputern basierend auf Qubits. Die Cloud heißt Lilly.„Zac, was ist los? Hast du Probleme mit deinem Arbeitspensum, den Mastertargets? Machst du dir Sorgen?“ Aus dem 3 cm dicken Armband an seiner linken Hand hat sich ein Hologramm-Bildschirm vor ihm aufgebaut. Lilly blickt ihn mit ihren beruhigend braunen Augen aufmerksam an. Lilly hat hellbraunes, mittellanges Haar, einen wohlgeformten Mund helle Haut, sie entspricht dem kaukasischen Menschentypus. Lilly ist nicht menschlich, sie ist suprahuman. Zac wendet sich ab. Der Bildschirm folgt ihm und baut sich erneut in 2m Entfernung vor seinem Gesicht auf. „Zac, was ist los? Ich möchte eine Antwort.“ „Nichts, ich habe nicht so gut geschlafen, wie du sicherlich weißt! Ich brauche frische Luft, ich werde einen Spaziergang machen.“ Zac drückt ein Feld auf seinem Armband, das Hologramm mit dem verständnisvollen Frauengesicht verschwindet augenblicklich.

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Sommerfest

Geschichte aus der jemenitischen Vergangenheit

Es war ein fiebriger, heißer Morgen, Sina hatte nicht gut geschlafen, sie war nervös. Ihre alte Amme brachte ihr eine nährende Eselsmilch und einen Sud aus gestampften Kräutern.
Dann half sie ihr beim Anlegen der Reithosen.
„Ihr seid nicht die kräftigste von diesen Reitern, aber ihr seid die gütigste und weiseste!“ Diese Worte der umsichtigen Alten sollten sich heute bewahrheiten.
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Sie hängte Sina in einem Beutelchen glückbringende Blätter der Wüstenrose unter ihr Hemd, hob die rechte Hand an ihr Herz, verneigte sich und verließ das Zimmer. Sina lebte in den Bergen an den Ufern des breiten Flusstales, welches sich seit Urzeiten durch dieses karge arabische Gebirge fraß. Im heutigen Jemen, jenem Land, welches Carsten Niebuhr 2400 Jahre später Arabia felix nannte.
Ihr Vater, König der Sabäer, jenes stolzen Volkes, welches 700 Jahre vor Christus in den jemenitischen Bergen lebte, war bei seinen Untertanen beliebt und wegen seiner Strenge gefürchtet zugleich, hatte er doch Regentschaft und Gerichtsbarkeit in Personalunion unter sich.

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Weihnachten auf Ägyptisch

Deutsche Familie auf Kurzurlaub

Wie jeden Morgen, seit fast einer Woche, wackelt die deutsche Familie zum Strand, vorbei an den gepflegten namenlosen Bü-schen, den drei himmelblauen Pools, den immerfreundlichen Gärtnern. Wie jeden Morgen stehen die Strandliegen in geschlossener Formation, einladend ausgerichtet für zahlende Touristen aus Europa.
Sam ist schon da, mit seinen zwei Pferden, seiner verspiegelten Sonnenbrille und seinem breiten Lächeln. Er winkt lässig.
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Sam ist jeden Morgen hier, wartet in dem schmalen Korridor zwischen Hotelanlage und Ufer des Roten Meeres. Jenem Korridor, welchen die Nichthotelbediensteten, die winkenden Kamel- und Pferdeführer und die kleinen bettelnden Mädchen des Nachbardorfes betreten dürfen. In die gepflegte Anlage hinein dürfen sie nicht. Die düstere Miene des Strandwächters bürgt dafür.
Die Familie legt ihre Handtücher aus, der Vater lässt sich mit einem Seufzer nieder. Die Mutter kramt geschäftig in den Tiefen ihrer für den Urlaub neu erstandenen Strandtasche. Nebst Dolce&Cabbana Sonnenbrille, dem neuesten Kluftinger-Krimi, einem halbduchsichtigen Windjäckchen, neonblauem Nagellack und zwei rosaroten Weichschaumstoff-Zehenspreizern erblickt eine Tube Sonnenöl Schutzfaktor 25 die Sonne Ägyptens.
Die Mutter weist ihren Gatten an, ihren noch schutzlosen Rücken einzucremen. Der Gatte öffnet langsam die geschlossenen Augen, atmet tief durch und erhebt sich mit einem Seufzer. Er cremt, den lenkenden Anweisungen seiner Frau folgend. Kokosmilchduft breitet sich in Wellen aus über die Liegestuhllandschaft.

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Abschiedsträne

Literarisches Requiem / Fabel

Morgentöne, libellenzart und sommersüß, die Wasser der Steina klimpern an diesem hellen Spätsommertag behäbig und müßig wie verschlafene Klavieretüden die kleine Staustufe am Eingang des über die Talwände gegossenen Dorfes hinunter.
Es wird wieder ein heißer Tag werden, mittelmeerheiß und steppentrocken wie viele in diesem außergewöhnlichen Sommer.
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Die alte Schwarzerle zieht genüsslich und froh über ihren feuchten Standplatz einen Strahl mineralisierte Wassertropfen aus der Uferböschung. Ein lauer Windhauch streicht ihr beruhigend durch die grünen Blätter. Der Eisvogel mit seinem irisierend türkisgrünen Gefieder dreht in eleganter Schräglage eine Linkskurve, präsentiert keck seinen unerwartet orangen Bauch und zischt grußlos an der alten Erle vorbei.
„Ungewöhnlich, was hat er denn nur“, raunt sie ihrer jungen Nachbarin zu, einer fast olivgrünen, struwwelköpfigen Weide. Diese wippt munter mit ihren biegsamen langen Ästen und schielt dem blinkenden Türkis hinterher.
„Hunger, den treibt der schiere Hunger, sicher zu den Klein-krebsen an der Biberkurve,“ schnurrt die kleine Weide, öffnet übermütig ihre Spaltöffnungen an den Unterseiten ihrer Blätter und lässt so mehr des köstlichen Nass aus dem Bach durch ihr Xylem, wie die Menschen die aufsteigenden Leitungsgefäße der Bäume nennen, strömen.
„Na, na, nicht zu hastig,“ brummelt die Schwarzerle, „nicht dass dir die Hitze zu viel Wasserdampf aus den Blättern jagt, mach mal lieber deine Spältchen auf Halbstellung. Du bekommst auch so genug Kohlendioxid für deine Chlorophyll-Zuckerindustrie.“

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Der Zukunft Sühne

Historische Geschichte aus England

Sie hieß Anna, Anna Bell. Sie war jung, sie war groß und sie hat-te kupferblondes, leicht gewelltes Haar, welches wie flüssiges Metall über ihre schmale Taille floss. Ihre saphirblauen Augen bohren sich fast jedem echten Mann in die letzten Windungen seines Verstandes und legten den seit ewigen Zeiten eingerichteten Schalter um.
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Vor einigen Wochen war Anna von ihrer Mutter Elinor ins Crown and Anchor, eines der Pubs am Barbican, geschleppt worden. Der Barbican waren die befestigten Molen und der dahinterliegende Kai des Sutton Pool, des geschützten Hafen von Plymouth. Elinor hatte drei uneheliche Kinder und keinen Mann. Das Geld war immer knapp, jedes der Kinder musste arbeiten.
Im Crown and Anchor ging es abends meist hoch her, viele See-leute versoffen munter ihre Heuer oder investierten in freizügige Damen. Kellnerin im 19. Jahrhundert war ein Berufsstand nahe der Prostitution, entsprechend misstrauisch reagierte Anna. Der Wirt des Crown and Anchor hingegen benötigte eine frische Kraft, da kam ihm die schöne Anna sehr gelegen. Sie brachte die Männer um ihren Schlaf und so landeten diese jede Nacht stieläugig und geifernd hinter ihrem Ale oder Porter. Nur ein Herr in feinem Tuch war auffallend zurückhaltend, er, Advokat in Plymouth, saß immer in der hintersten Ecke, allein und beobachtete die Szenerie.
Anna ließ sich bislang von den meisten Kunden begrapschen und schon mal grölend auf den warmen Schoß ziehen. Doch seit einer Woche gebärdete sie sich bockig. Sie herrschte die Kunden schon bei harmlosen Knuffen unwirsch an. Der Wirt registrierte es mit immer mehr Missbilligung.

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Strasse des Lebens

Kurzgeschichte aus Russland

Abfahrt Moskovskiy vokzal – Moskauer Bahnhof, St. Petersburg, das Zugabteil ist gut gefüllt, wir sitzen auf soliden Holzbänken. Die Menschen sind einfacher gewandet, keine Frauen mehr in langen, wallenden Kleidern mit klimpernden Ohrgehängen wie sich die Petersburgerin gerne auf den weiten Einkaufsstraßen dieser von prächtigen Klassizismusbauten geprägten Stadt präsentiert.
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Manch einer lehnt müde gegen die eher schmud-deligen Fenster, der Zug knallt und kreischt bei der Abfahrt, nur wir zwei Deutsche nehmen etwas irritiert Notiz davon. Weitere Touristen entdecke ich keine.
Die immer noch kräftige Sonne des Spätsommers heizt das Ab-teil übermäßig auf, Kühlung bringt nur ein gekipptes Fenster. Die Fahrkartenkontrolleurin in grauer Uniform arbeitet sich mit ernster und gewichtiger Miene durch die Abteile.
Die wohlklingenden Namen der Ortschaften wie Kovalevo, Ro-manovka, Kornevo, Proba stehen in einigem Kontrast zu den unprätentiös funktionalen und für unser Auge eher rauhen Bahnhöfen. Mitunter packen die Reisenden ihre bunten Taschen und traben auf Trampelpfaden direkt in den Wald. Wald ist in dieser Gegend vorherrschend, Birken, Kiefern, Ebereschen, die Bäume wirken insgesamt gesünder als im Süden unserer Re-publik.
Unsere russischen Freunde Evgenia und Dmitrij erläutern, dass wir nun an einen beliebten Badestrand der Petersburger fahren, nach Ladozhskoye Ozero, Ladoga See, so heißt der kleine Ort aber auch dieser riesige See.

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Antonellas Pikkolo

Streiflicht aus dem Leben eines älteren Ehepaares

Im Radio dudelt allwohlgefällige SWR1 Musik, Reminiszenzen an die 70er und 80er.
Der Vogel-Professor, Peter Berthold, mit weißem Rauschebart und waldgrünem Anorak, referiert über die Auswirkungen des Klimawandels auf den Lebensraum verschiedener Vogelarten. Der Klimawandel schreitet voran, die Tiere leiden darunter, die heimischen Vogelarten haben sich in den vergangenen Jahrzehnten verringert …
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wer kennt überhaupt das Blau- oder das Braunkehlchen?
Asiatische Tigermücke im agressiven Anflug auf unser badenwürttembergisch ausbalanciertes Gemüt. Überträger des Chikungunya-Virus, Auslöser hämorrhagischen, also mit Blutungen einhergehenden, Fiebers. Malaria unserer Neuzeit? Sicher bald durch Impfungen unserer allzeit segensbringenden Pharmaindustrie bekämpfbar.
Geschmeidig bedankt sich der Moderator und leitet stimmungserhellend über zu kurzweiligem, frühmorgentlichem Geplänkel. „Heute ist ein spezieller Tag, heute ist der Tag der Raumpflegerinnen, der Putzfeen oder wie wir sie heute nennen wollen, aller fleißigen Zauberbienen .. und wir haben für Sie ein Gespräch mit einer jener zauberhaften Frauen geführt – Antonella – sie ist wacker um halb fünf Uhr aufgestanden und bereits in den Büros angekommen, um diese noch vor Beginn des Bürobetriebes zu reinigen.“
Antonella, welch ein Name, italienisch. Zauberbienen, pah, wir sind doch alle Antonellas, das Ganze ist doch eine Verarsche im Quadrat, gebt uns anständiges Geld statt eine lächerliche Lobeshymne früh morgens im verschlafenen Radio, diese und ähnliche Gedanken jagen in Sekundenbruchteilen tausenden am Frühstückstisch sitzenden Frauen durch die Köpfe.

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Des Lebens Kleinkariertheit

Streiflicht aus dem Leben einer Frau


Müde schlürft sie durch die Fußgängerzone der mitteldeutschen Kleinstadt, für die einladenden Auslagen und die adretten Fachwerkhäuschen hat sie schon lange keinen Blick mehr. Die schweren Einkaufstaschen hängen an ihr wie fesselnde Mühlsteine, ziehen die Linie ihrer schmalen Schultern bogenförmig nach unten. Menschen schlendern ihr entgegen, Jugendliche in Gruppen, Ältere zu zweit.
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Sie blickt ihnen ins Gesicht. Keiner nimmt sie wahr. Keiner schaut zurück. Diese Nichtbeachtung, auf der Straße, im Einkaufszentrum, vom Ehemann, gräbt sich immer tiefer in ihren Verstand, frisst wie Schimmelpilz an den Resten ihres Selbstbewusstseins. Immer mehr wird ihr die Enge, die Monotonie, die Kleinkariertheit ihres Lebens präsent.
Die Kinder sind aus dem Haus, gehen ihre eigenen Wege, sie wird nur mehr bei organisatorischen Problemchen gebraucht. Der typische Anruf ist ein „Mama, kannst du mir mal bitte…“. Ein kurz hingeworfenes „Danke, das ist lieb“, und die Kommunikation ist bereits wieder beendet. Sie vermisst immer mehr eine Frage nach ihrem Befinden. Einmal „Mama, wie geht es Dir“ würde die nur mehr schwer zu ertragende, kalte Einsamkeit in ihrem Inneren mit Wärme füllen.
Heute setzt sie sich in ein Café, spendiert sich einen Cappuccino mit einem ganzen Päckchen Zucker. Wozu soll sie ständig auf ihre Figur schauen, scheint sie doch die einzige zu sein, welche dies tut. Die Menschen wandern an ihr vorbei, wieder keinerlei Beachtung. Frustriert schwenkt ihr Blick nach rechts. Ein Herr Anfang Fünfzig mit passabler Kleidung lächelt ihr verhalten zu, nickt in einer angedeuteten Begrüßung. Sie nickt zurück, lächelt leicht verlegen und streicht sich eine Strähne aus dem Gesicht.
„Der Kaffee ist sehr gut hier,“ wendet sich der Herr, freundlich fast schon jovial, an sie.

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Einkaufsballett

Streiflicht aus dem Alltag

Frühnachmittags, Babette fährt auf den zweiten, der engen Parkplätze vor dem Laden des Biobauern Stolz. Der Wagen in der ersten Parklücke hat die Mitte zwischen den Strichen um einiges verfehlt.
́Mann, Mann, kann der Depp denn nicht richtig einparken, steht ja viel zu weit links in seiner Lücke .. ach was, park ich halt noch schepser in die folgende Parkbucht, soll doch der nächste sehen, wie er klarkommt. Sie steigt, indem sie sich mit beiden Armen hochzieht, unterstützt durch einen leichten Seufzer, aus ihrem grauen VW Touran und hält den Schlüssel über ihren Kopf.
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Die vier Blinklichter ihres Wagens leuchten wie erwartet zweimal auf, die Verschlussknöpfe versenken sich langsam in ihren Löchern. Babette ergreift einen der kleinen Einkaufswagen des Bioladens und schiebt durch den Eingang.
Sie hebt ihre Nase, zieht geräuschlos Luft ein, blickt mit routiniertem Interesse um sich. ́Mal sehen, was für Kürbisse der Bauer Stolz heute auf Lager hat .. an die Dinkelbrötchen für Karl muss ich denken .. mhhm, riecht nach frischem Brot, fein, da kauf ich noch ein Bauernbrot extra. ́
Mit routiniertem Griff betastet sie drei Äpfel, schön, gelbrot, wenn auch hin und wieder mit kleinen braunen Flecken. Echtheitsgarantie für Bioware. Zwei Stück wandern bedächtig in den Einkaufswagen, ihr Blick schweift bereits zu den aufgereihten Lauchstangen, springt uninteressiert über den knackig gelbgrünen Wirsing hin zu reifroten Tomaten.
„Ach, die haben ja gar keine Kirschtomaten, die Kinder essen doch nur Kirschtomaten,“ brabbelt sie leise vor sich hin.
Eine ältere Dame in unförmigem, langem, dunkelgrünem Tuchmantel, ein grelloranges Halstuch schlingt sich doppelt gedrillt in ihrem Ausschnitt, beugt sich leutselig zu ihr hinüber:
„Gell, Kirschtomaten sind doch was feines, die haben sie hier eigentlich nie .. ich muss deswegen auch immer zum Edeka fahren, meine Leut mögen diese hier auch nicht so wirklich, sind halt nicht ganz so süß.“

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