Jugendbuch & Abenteuer-Roman

MARACHANCAS FLUCH

Sind Abenteuer in einem kleinen Dorf hoch in den Bergen von Peru anders, als jene im deutschen Großstadtdschungel?  

Möchtest Du die Aufregungen um Luz und Kike, einem peruanischen Mädchen und ihrem Freund miterleben, dem eingestürzten Stollen ober-halb des Dorfes, den besonderen Tieren dieser Gegend und jenem alten Geheimnis, welches in diesem Anden-Berg schlummert?

Buch 1 dieser Geschichte wird überarbeitet.

Unten zwei Probekapitel für Dich zum Reinschnuppern 

Bergkette mit Wolken in Südamerika

Der Berg brummt    © Mara Maura

Luz schlägt ihre dunklen, schwarzbraunen Augen auf. Ihre langen, gebogenen Wimpern klappern zweimal auf und zu. Heute ist ein besonderer Tag, darauf freut sie sich schon seit Wochen.
Ein sanftes Glücksgefühl strömt wie wärmende Sonnenstrahlen durch ihre Brust, heute ist der 24. Dezember und der Tag vor dem Weihnachtsfest! Sie hat keine Schule, sie muss nicht aufspringen, ihre Milch hinunterschütten und den langen Weg hinunter ins Flusstal in die Stadt Matucana springen.

Für die 6 km bergabwärts braucht sie nur circa eine Stunde, der Weg nach Hause ist viel schwerer und dauert doppelt so lange. Sie marschiert dann nicht nur 6 km Strecke, sie muss auch 700 Höhenmeter den Berg hinauf bezwingen.
Ganz selten haben die Schulkinder aus dem Dorf auch Glück und ein Mototaxi fährt hoch oder ein alter Bus und der Fahrer hat Platz und nimmt einige mit.
Mototaxis sind witzig, Luz liebt sie. Mototaxi ist so eine Art Motorrad mit hinten zwei Rädern. Vorne sitzt der Fahrer und hinten lümmeln die Fahrgäste überdacht auf einem Sitz. Sie sind die Taxis der Armenviertel in Perus Großstädten, rattern aber auch auf allen ungeteerten Wegen in Dörfern und kleinen Städten und über die wilden Straßen der hohen Anden.

Heute kommen auch Papa und ihr Bruder Pepe früher heim und Papa ist nicht so müde wie sonst immer und sie gehen alle gemeinsam in die Parroquia, die Pfarrei.
Die Pfarrei steht in der Mitte ihres kleinen Dorfes, gleich neben der Kapelle. Es ist ein schönes Haus, mit richtigen Wänden und weiß gestrichen.
Die meisten Häuser im Dorf sind nur aus Lehm oder ungleichen Mauersteinen aufgeschichtet, ohne Putz oder Farbe. Mehrere Blechteile Iiegen auf diesen Mauern und bilden das Dach, welches oft nicht ganz dicht ist. Und wenn es regnet, trommelt das Wasser laut auf das Blech und läuft anschließend in dünnen Bahnen die Wände herunter, gräbt feine Striche in die Lehmmauern.
Das Pfarrhaus hat jedoch ein schönes Dach mit echten roten Ziegeln.
Es wird dort gemütlich sein und warm mit den vielen Menschen im Raum. Das ganze Dorf wird kommen. Luz freut sich auf die leckeren Picarones, die ihre Bäckerin immer selber backt.

Picarones sind in Schmalz herausgebackene Ringe aus einem Teig aus Süßkartoffeln, Kürbis und Mehl. Dazu ein süßer Zimtsirup. Allein bei dem Gedanken läuft ihr das Wasser im Mund zusammen. Sie mag Picarones viel lieber als den komischen Panettone, den man unten im Tal jetzt in jedem Laden kaufen kann und den in Peru alle zu Weihnachten essen.
Kaum nimmt sie sich Zeit für ihr Frühstücksbrot. Hastig kippt sie ihre Tasse mit warmer Milch hinunter.
„Mama, wann kommen Papa und Pepe heute? Und Papa Noel?“ Papa Noel ist der Weihnachtsmann, er kommt in Peru mit dem Schlitten und bringt Geschenke. Die gibt er dann dem Pfarrer in der Parroquia und der Pfarrer verteilt sie am ersten Weihnachtstag im Pfarrhaus an die Kinder.

Come, iss,“ sagt ihre Mama, gebeugt steht sie vor ihrer Feuerstelle. Der wabernde Wasserdampf zieht durch die Ritzen des Daches. Sie kocht Hühnersuppe, sie kocht oft Hühnersuppe, in einem großen Blechtopf. Und dazu weißen Reis oder den hellgelben Mais.
Luz mag keinen Reis mehr, sie mag lieber die schönen lilafarbenen Kartoffeln oder die dunkelgelben, am liebsten isst sie jedoch Quinoa, diese kleinen, hellen Körner. Aber Mama kocht fast immer nur Reis, Quinoa ist zu teuer, sagt sie.
„Mama, darf ich zu Kike, wir spielen Ball,“ Luz beißt lustlos an ihrem Brotstück.
„Vai, geh schon, sei aber bis zwei Uhr wieder zu Hause, dann kommen Papa und Pepe!“
Luz drückt ihre Mama kurz um die rundliche Taille und zischt mit ihrem Brot in der Hand hinaus auf die Straße. Kike heißt eigentlich Enrique, er ist so alt wie sie, zwölf. Er wohnt zwei Häuser weiter. Sein Vater arbeitet auch im Bergwerk.

Das Bergwerk ist eine kleine Silber- und Bleimine. Seit vielen Jahren fressen sich die Stollen, jene dunklen, unterirdischen Gräben, durch die hohen Berge der Anden. Im vordersten Stück sind die Stollen sehr eng und schmal, vielleicht 1 m hoch und 45 cm breit.

Sie werden von Jugendlichen gegraben, weiter hinten schuften erwachsene Männer. Sie arbeiten in diesen Stollen nur mit einfachen Maschinen und mit wenigen Männern, nicht wie im großen Bergwerk von Casapalca. Dort haben sie auch besseren Mundschutz gegen den Staub, der ihnen die Lungen vergiftet.
Normalerweise interessiert sich außer den Männern welche das Bergwerk beaufsichtigen, keiner für diese Silber- und Bleimine oder für das kleine Dorf Marachanca.
Es liegt inmitten jener tausende von Kilometer langen Gebirgskette Südamerikas, den Anden, auf einer Höhe von circa 3700 m über dem Meer. Dort wo der Nebel mitunter wochenlang hängt und die Luft dünn ist wie Spinnenhaar, wo die wenigen Touristen, die hier auf den Wegen die Anden abwandern schnaufen wie eine überhitzte Dampflok.

Doch seit 8 Tagen ist ein weißer Mann hier. Er ist ein Fremder, ein gringo. Er kommt aus Deutschland, jenem schönen, reichen Land in Europa. Viele Jungs träumen davon, dort auch einmal arbeiten zu können. Der Fremde ist Ingenieur und Berichterstatter und er fragt alle möglichen Leute nach allerlei Dingen.
Er läuft zur Laguna, das ist der Trinkwasserteich im Dorf, und betrachtet das Wasser in einem Glas, mit einer Lupe. Die Lupe trägt er immer in seinem grasgrünen Rucksack mit sich. Er wandert in seinen schweren Schuhen bis hoch zu den höchsten Feldern, welche nicht mehr bebaut werden und notiert die Pflanzen und auch Steine.
Und er geht in die hohen Berge, dorthin wo doch nur die Vögel wohnen und die Götter der alten Inka. Er misst und macht Fotos und die alten Frauen haben Angst, er könnte den Berggott wecken, den Göttlichen Priester, und das bringt Unheil.

Luz und Kike treiben mit noch 4 Jungs aus dem Dorf den Ball zwischen 4 Pfosten hin und her. Sie lachen und kreischen vor Vergnügen, vor allem wenn einer das Tor verpasst, dann johlen die anderen und singen ihr Lied vom betrunkenen Kondor.
Kondor ist der berühmteste Vogel der Anden. Er ist auch der größte Vogel der Erde. Seine Spannbreite von einer Flügelspitze zur anderen kann locker 3m betragen. Die Bewohner der Anden lieben ihn, sie besingen ihn in vielen Liedern.
Früher und zum Teil auch heute noch wurde er sehr verehrt. Er ist der Bote der Götter, welcher stundenlang ohne Flügelschlag über die hohen Täler und Flächen der Anden gleitet und die Täler bewacht. Kike strauchelt leicht, sein Versuch den Ball mit Schwung ins Tor zu kicken misslingt kläglich. Juan, ein Junge von schon 13 Jahren, schlägt ihm kreischend auf die Schulter. Kike verliert gänzlich das Übergewicht und fällt der Länge lang in den trockenen Staub. Die beiden anderen Jungs grölen, nur Luz springt zu Kike und streckt ihm ihre Hand hin.
Doch Kike verharrt reglos auf dem Boden und horcht.

Er dreht seinen Kopf und legt sein Ohr auf die Erde.
„Ruhe,“ schreit er ungeduldig. Jetzt fühlen es die anderen auch. Die Erde zittert. Ein feines Brummen dringt vom Bergrücken herüber.
Ein Brummen so drohend und grollig wie das eines übergroßen, wütenden Bären.

Kike springt auf. Alle blicken hinüber zum Berg, dorthin, wo der Eingang des Bergwerkes liegt. Eine feine Staubwolke steigt unheilvoll in den Himmel. Gleich einer drohenden Schlange schaukelt sie sich immer höher auf.
„Das Bergwerk,“ brüllt Kike.
Luz schlägt mit einem Aufschrei die Hände vor den Mund. „Vielleicht war es ja nur ein kleines Erdbeben,“ versucht Juan zu beruhigen.
„Nein, die Staubwolke kommt aus dem Eingang des Bergwerks,“ Kike fängt an zu laufen.
Er läuft und läuft. Luz versucht ihm zu folgen, doch er ist schneller.
„Kikeee, warte auf mich, Kikee, ich kann nicht so schnell.“

Motortaxi in Peru mit Leuten


Das Bergwerk      © Mara Maura

Wie Trommelfeuer schlägt ihr Herz in ihren Ohren. Luz war noch nie eine schnelle Läuferin, Kike hingegen schon, er ist ihr bereits einige hundert Meter voraus. Sie muss anhalten, Seitenstechen bohrt sich in ihren rechten Lungenflügel. Vornübergebeugt versucht sie verzweifelt wieder zu Luft zu kommen.
Auf einmal hört sie Schritte hinter sich, sie dreht sich langsam um. Es ist der deutsche Ingenieur. Irgendwie ist sie froh ihn zu sehen.
„Geht es?“ Fragt der große Mann mit den weit auseinander stehenden, blauen Augen und schaut sie aufmerksam an. Seine Augen leuchten fast hypnotisierend. Luz nickt nur. Der Mann macht sie immer noch mehr schüchtern als sie ohnehin schon ist. Unglaublich groß, mit breiten Schultern steht er vor ihr und beugt sich zu ihr hinunter. Sein dunkelblondes, leicht gewelltes Haar fällt ihm auf einer Seite ins Gesicht.
„Wir müssen weiter, komm, wir laufen gemeinsam zum Eingang.“ Er spricht ein lustiges, fast hart stotterndes Spanisch, aber Luz kann denn Sinn seiner abgehackten Sätze leicht erfassen.
Luz schlägt ihre Augen nieder, sie nickt zweimal ganz leicht, der Deutsche hat verstanden. Wie selbstverständlich nimmt er ihre Hand.
Sie gehen gemeinsam weiter bergauf, langsamer und gleichmäßig.

Kike steht schon seit 20 Minuten vor dem Eingang, er zittert leicht am ganzen Körper, mit dem Ärmel seines alten Pullovers wischt er ein paar Tränen weg. Der Eingangsstollen ist am hinteren Ende, dort wo es sich verzweigt, verschüttet.
Kike ist bis zu der Stelle hineingetappt, er kennt den Öffnungsmechanismus der eisernen Eingangstür von Pepe. Aber er kam nicht weiter als bis zu den großen Gesteinsbrocken. Bis zur Stollendecke ist alles dicht angefüllt mit Gestein.
Luz und der Deutsche kommen schnaufend an. Luz fällt ihrem Freund mit einem unterdrückten hohen Schluchzer um den Hals. Sie wagt es nicht in Richtung Eingang zu sehen. Der Deutsche beugt sich wortlos, zieht eine Taschenlampe aus seinem grünen Rucksack.
Er leuchtet in den Stollen und fragt nicht wieso das Tor offen steht. Es dauert etliche Sekunden bis er durch den feinen Staub hindurch einiges erkennen kann.

„Scheiße!“ Dieses Wort versteht Luz obwohl er es in seiner fremden, harten Sprache gesprochen hat. Das Wort knallt wie ein Schuss auf die umliegenden Bergwände und weckt alle schlafenden Geister wie mit einer schallenden Ohrfeige.
Luz erschrickt, ihre abuela, ihre Oma, warnt schon seit Wochen vor diesem Fremden. Er weckt den mächtigen Berggott auf, sagt sie dann und reckt ihren rechten Zeigefinger wie einen unheilvollen Haken nach oben.
Hat er tatsächlich den Göttlichen Priester geweckt, fährt es Luz durch den Kopf? Ist er verantwortlich für dieses Unglück? So viele Geschichten erzählen sich die Alten um diesen mächtigen Priester, ein Wesen von gottähnlicher Macht, dass Luz manchmal von ihm träumt.
Wie eine übergroße, eiserne Zange legt sich lähmende Angst um ihren Brustkorb und drückt immer fester zu. Ihr Herz macht einen seltsamen Rumpler. Sie schielt zu Kike hinüber. Doch Kike folgt mit zusammengekniffenen Augen dem Strahl der Taschenlampe und sorgt sich nur um den Stollen.

Luz schüttelt ihren Kopf.
No, no, no, lass nicht zu, dass die verstörenden Gedanken der abuela dich hinunterziehen. Dieser Mann kann vielleicht helfen. Sie heftet fest ihren Blick auf den breiten Rücken des Ingenieurs. Dieser richtet sich gerade auf und fasst sich an den Kopf. Er dreht sich zu den Kindern um.
„Wir brauchen Stützen, für den Eingang,“ und an Kike gewandt: „Weißt du in welcher dieser Hütten Werkzeug und Stangen zum Abstützen sind?“
Kike nickt benommen. Langsam setzt er sich in Bewegung auf einen Schuppen zu. Die beiden anderen folgen ihm.
Ein Vorhängeschloss sichert die Tür dieses Schuppen. Der Deutsche zieht ein langes und dickes, zusammengefaltetes Spezialmesser aus dem Rucksack. Er klappt ein paar Dinge aus diesem Metall heraus, bis er einen zugespitzten Eisenstab in der Hand hält. Mit diesem knackt er das Schloss wie ein Einbrecher. In Luz fährt für einen kurzen Moment wieder die Angst hoch, doch als Kike den großen Mann nur mit runden Augen bewundernd anblickt, beruhigt sie sich sofort wieder.
Der Deutsche öffnet die Tür, kramt wieder die lange Taschenlampe hervor und geht hinein. Kike folgt ihm, Luz hält die zuschwingende Tür auf. Der Ingenieur legt zwei lange Stangen vor die Hütte und versucht sie gleichzeitig aufzunehmen. Kike springt zu ihm und hilft ihm tragen.
Am Bergwerkseingang bedeutet der Deutsche, den Kindern zurück zu bleiben. Er nimmt eine dieser Stangen, hebt sie an und stellt sie unter den Eingangsträger. Dann schraubt er an dem oberen Teil der Stange und verlängert sie auf diese Weise, bis sie sich fest unter dem Träger verkeilt hat. Das macht er auch mit der zweiten Stange weiter drinnen im Stollen. Kike und er holen 2 weitere Stangen.

Die drei drehen sich um, sie hören Rufe und Heulen aus Richtung des Dorfes. Juan, die anderen Jungs und einige Frauen mit Kindern kommen den Berg herauf gehastet.
Die Frauen wedeln mit den Händen und schreien und jammern fast unaufhörlich.

Die abuela von Luz ist erstaunlich schnell, sie kann mit den jüngeren Frauen fast mithalten. Als sie oben ankommt, beginnt sie in höchsten Tönen zu jaulen und reckt ihren unermüdlichen Finger wieder hoch. Der Deutsche blickt sie verständnislos an. Luz geht zu ihrer Oma, biegt mit aller Kraft deren Arm herunter und stoppt das aufwiegelnde Geheule mit zwei Sätzen.
Der Deutsche sieht sie an und seufzt. Er versucht den Frauen zu erklären, dass sie nicht in den Stollen gehen sollen. Er fragt, ob es einen weiteren Ausgang gibt. Den gibt es, sagt Gloria, die Bäckerin des Dorfes. Sie weist in Richtung Berg.
Der Ingenieur beginnt dorthin zu laufen, Kike folgt ihm sofort und auch Luz und Gloria rennen ihm hinterher. Kike kennt den zweiten Ausgang, er übernimmt die Führung. Alle anderen, unter ihnen nun auch der Pfarrer, hasten den immer steiler ansteigenden Berghang hinauf. Der Pfarrer muss seine schwarzen Rockschöße mit einer Hand hochheben.

Kike öffnet den Verschlussmechanismus des Eingangstores. Keiner stellt Fragen, wieso er dies kann. Der Deutsche schiebt seine Taschenlampe auch in diesen Eingangstollen.
Alle Umstehenden halten den Atem an. Luz klopft schon wieder das Herz zwischen den Ohren und Kike hält sich selbst mit beiden Armen umschlungen.

„Wir brauchen noch mehr Stangen,“ sagt der Ingenieur nach einer ersten Prüfung der Stollendecke und blickt Kike an.
Sie laufen beide nach unten, wieder zum Schuppen. Alle anderen warten untätig am oberen Eingang. Luz hat sich hingesetzt und den Kopf in die Hände gestützt. Sie ist unglaublich müde.
Während Kike und der Ingenieur den Berg hinunter hasten, folgen ihnen die Augen aller. Der Pfarrer und Juan blicken sich kurz an und eilen zu Kike, welcher in seinem abgewetzten Pulli dünn und zierlich vor dem Schuppen steht. Sie nehmen ihm je eine Stange ab und tragen sie keuchend zum oberen Eingang. Sie helfen dem Deutschen beim Aufzustellen.
Es dauert eine Stunde, bis dieser Stolleneingang gesichert ist. Kike muss sich nun auch setzten. Doch der Deutsche ist unermüdlich. Er tauscht mit dem Pfarrer, welcher ein Handy aus den weiten, dunklen Falten seines Pfarrergewandes zaubert, Nummern aus.

Schließlich setzt er seine dicke, bunte Alpakamütze als Schutz auf und begibt sich unter dem Raunen und den hoffnungsvollen Blicken der Frauen in das Dunkel des Stollen.
Es vergehen keine 20 Minuten und die Wartenden hören schlurfende, schwere Schritte aus der staubigen Tiefe auf sie zukommen. Der Deutsche tritt langsam aus dem Eingang, hustet einige Male heftig und setzt sich ächzend auf einen größeren Stein. Er atmet tief durch. Kike beobachtet mit hochgezogenen Augenbrauen den sich hebenden Brustkorb des großen Mannes.
Mit schwerem Kopf blickt der Ingenieur auf und richtet seine staubverkrusteten, tiefblauen Augen auf die fragenden Gesichter der Umstehenden. Es sind noch einige aus dem Dorf dazugekommen. Verneinend schüttelt er den Kopf.

Eine Woge des Wehklagens und Weinens erhebt sich augenblicklich. Aus hundert rauhen Kehlen bricht die Enttäuschung und die ohnmächtige Sorge um ihre Männer und Söhne. Sie trifft die kalten und schuttgrauen Felsen, schlägt fordernd zurück auf die sich windenden Menschen.
Diese Enttäuschung, dieses Wehklagen trifft auch ihn, den Deutschen.
Der Ring der Menschen, welche ihn umzingeln, wird durchbrochen. Es ist die abuela von Luz.

In ihrem schwarzen, traditionellen Gewand, den abstehenden Röcken, von welchen sie immer mehrere übereinander trägt, dem dunkelbraun-schwarzen Schultertuch und dem typischen strohgelben Hut, welcher gegen die harte Sonneneinstrahlung sowie die Kälte auf dieser Berg-höhe schützt, sieht sie aus wie eine kleine, undurchschaubare Hexe.
Ihr knochiger Finger springt wie von einer Feder aufgespannt nach vorne und deutet auf ihn, den „extranjero“, den „gringo“, der Fremde ist an allem Schuld.
„Abuela, hör auf damit,“ Luz ist auf die alte Frau zugeschnellt und blitzt sie mit ihren schwarzen Augen wütend an. Augenblicklich erstirbt das Jammern völlig.
„Du machst alles immer viel schlimmer .. und vielleicht bist es ja auch du, du mit deinem blöden Gerede und deinen bösen Worten, die diese schlimmen Dinge macht.“
Die Luft vibriert von dieser unglaublichen Behauptung. Alles hält die Luft vor Schreck an. Noch nie hat ein kleines Mädchen in diesem Dorf solche Dinge zu seiner Großmutter gesagt.
Doch Luz bereut es keine Sekunde. Sie hatte schon öfters den Gedanken, dass die alten Frauen mit ihren dunklen Ideen Schuld an so manchem Unglück hatten.
„Luz, komm sofort hierher,“ kommt es drohend laut von Pilar, ihrer Mutter.

Wütend funkelt Pilar ihre Tochter an, ihr schwarzes Haar wabert geradezu, doch Luz rührt sich keinen Millimeter. Ihr Eigensinn scheint sich durch dieses Kräftemessen mit der Mutter, ja man könnte meinen mit fast allen Frauen des Dorfes noch zu verstärken.

Viscacha die Hasenmaus
Viscacha – Die Hasenmaus